Meine Generation

Ich bin 28 Jahre alt, männlich, Single, habe ein abgebrochenes Studium für Japanologie und Germanistik, sowie eine abgeschlossene Berufsausbildung zum Fachinformatiker Systemintegration vorzuweisen. Seit 2010 stehe ich voll im Berufsleben, habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei einem ziemlich großen IT-Unternehmen und bin in den letzten vier Jahren 5 Mal umgezogen; der sechste Umzug wird bereits ersehnt. Ich bin kein Mietnomade und auch die Wohnungen hatten keine besonderen Mängel. Nein viel eher kann man sagen, ich fühle mich getrieben, vielleicht sogar vertrieben von den Erwartungen an meine Generation; von den Erwartungen an mich.

Meine Generation? Die Generation Gameboy, die Generation Maybe, die Generation Y, die Generation Burnout, die Generation Null-Bock. Meine Generation bekommt teilweise wöchentlich einen neuen Namen und die Anforderungen wachsen fast im selben Tempo. Man erwartet von uns, dass wir von uns selbst viel erwarten und verlangen sollen, um im Leben voran zu kommen. Man erwartet von uns immer flexibel zu sein. Man erwartet, dass wir belastbar sind, immer gut drauf, mit denkend, aber auch nicht zu viel. Menschen die nicht mit dem System schwimmen sind gegen das System und somit nicht erwünscht. Ich gebe zu, dass der letzte Punkt keine Erfindung meiner Generation ist, sondern wohl schon immer so war.

Ich schaue mir regelmäßig aktuelle Stellenausschreibungen an und bekomme das Grauen. Arbeitgeber suchen die eierlegende Wollmilchsau. Auch das war vielleicht schon immer so, aber in meinen Augen wurde ein neuer Grat an Perversion erreicht. Gesucht werden 25 Jährige Uni-Absolventen, die neben dem Master mit Bestnoten auch noch diverse Praktika und am besten drei bis fünf Jahre Berufserfahrung mitbringen. Dabei werden tiefgehende Kenntnisse in der Handhabung diverser Produkte vorausgesetzt. Kosten darf so ein junger Mensch aber natürlich nicht viel.

Man möchte also den hochmotivierten und übertalentierten, zur Inselbegabung neigenden Mitarbeiter, der alles kann, in den man nichts mehr investieren muss. Privatleben sollte er nach Möglichkeit nicht haben und in der Zukunft auch nicht anstreben, denn sonst würde er sich nicht mehr in der Weltgeschichte rum schieben lassen und Überstunden nicht anstandslos hinnehmen.
Es sind eigentlich die Menschen, die bisher von der Gesellschaft belächelt und ins Abseits gestellt worden sind, die nun wie Massenware am Markt gesucht werden.

Ich selbst habe, wie ich bereits erwähnte, kein abgeschlossenes Studium und während meiner Zeit im Berufsleben habe ich meinen Job gemacht; drei Jahre Userhelpdesk und 11 Monate Serverbetrieb. Von den vier Schulungen, die ich in den vier Jahren hätte machen können; denn eine pro Jahr zahlt der Arbeitgeber eigentlich bei uns, habe ich nur an zweien Teilgenommen. Nicht weil ich nicht mehr wollte, sondern weil einfach kein Geld oder lapidar keine Zeit für Schulungen da war. Auf der anderen Seite stehe ich nun aber da und habe kaum etwas vorzuweisen.

Im Dezember 2013 stand der letzte Arbeitsplatzwechsel an. Ich hatte die Wahl zwischen zwei Stellen. Die Eine war wieder im Bereich Helpdesk. Angenehme Arbeitszeiten, Freitag sogar schon um 16Uhr Feierabend, ein für den Job gutes Gehalt und jede Menge Unlust. Zum einen sehe ich im Userhelpdesk nicht nur eine Sackgasse, zum anderen habe ich keine Lust, mich tag täglich mit den Problemen von Leuten rum zu schlagen, die einfach nicht in der Lage sind, mit einem PC um zu gehen. Dem gegenüber stand ein Job, im Bereich Monitoring und Service Erbringung. Schichtdienst, viel zu lernen, davon viel in der Freizeit und einige Stolpersteine im Tagesgeschäft, wie das Arbeiten mit Datenbanken, die für mich bisher ein rotes Tuch waren. Das Gehalt fällt ähnlich gut aus und die Lust auf den Job war im Vergleich zum Helpdesk ziemlich groß. Doch dann plagten mich die Zweifel. Ist das wirklich das Richtige für mich? Werde ich damit glücklich und vor allem, bin ich der Sache wirklich gewachsen?
Zu allem Überfluss brachten beide Jobs einen weiteren Umzug mit sich. Die ersten Jahre im Berufsleben verbrachte ich in Frankfurt am Main, danach in Bonn. Zu Hause bin ich aber im Herzen des Ruhrgebiets; Dortmund. Seit meiner Zeit in Frankfurt hab ich mir zum Ziel gesetzt wieder zurück in die Heimat zu kommen, doch irgendwie rückt dieses Ziel nur sehr langsam näher.

Die Entscheidung fiel letztendlich auf den Job beim Helpdesk, weil die andere Stelle kurzfristig zurückgezogen wurde. Immerhin wurde mir die Wahl da abgenommen. Doch glücklich bin ich damit trotzdem nicht und bin schon wieder auf der Suche nach einer neuen Herausforderung aber vor allem nach einem neuen Ort den ich zu Hause nennen kann.

Ich habe es einfach satt flexibel sein zu müssen und mich von meinem Arbeitgeber von A nach B schieben zu lassen, nur weil ich „Jung und ungebunden“ bin. Ja, ich möchte arbeiten, aber nicht mehr um jeden Preis. Das Jung vergeht doch das ungebunden bleibt, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass ich mich nie wirklich an einem Ort zu Hause fühle; nie bereit bin mich auf mehr einzulassen, weil ich immer im Hinterkopf habe, dass mein jetziger Aufenthaltsort nicht mehr als der Schlafplatz von Montag bis Freitag ist. Freundschaften und Beziehungen sind auf dieser Basis, zumindest für mich, nur schwer bis gar nicht möglich.

An der Arbeit selbst finde ich zurzeit auch keinen Spaß mehr, privat läuft spätestens seit Dezember alles auf Sparflamme und für mich selbst müsste ich ebenfalls viel mehr tun. Doch was fehlt ist die Motivation. Verlorenes kann wieder gefunden werden, doch muss man dazu erst einmal das Suchen anfangen, wozu mir mittlerweile der Antrieb fehlt. Ich gehöre zur Generation Drohne.

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